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02.03.2007 - 13:52

Chancengleichheit für Frauen mit Behinderungen.

Kassel (kobinet) Was bringt das Europäische Jahr der Chancengleichheit für alle für Frauen mit Behinderungen? Dieser Frage ist Rita Schroll in einem Interview mit Martina Puschke, Projektkoordinatorin in der Politischen Interessenvertretung behinderter Frauen im Weibernetz e.V., nachgegangen. omp

kobinet-nachrichten: Welche Bedeutung hat das "Europäische Jahr der Chancengleichheit für alle" aus Ihrer Sicht für Frauen mit Behinderung?

Martina Puschke: Im Europäischen Jahr der Chancengleichheit für alle geht es in erster Linie um eine Verdeutlichung der Gleichbehandlungsrechte. Außerdem soll die Chancengleichheit im Hinblick auf den Zugang zum Arbeitsmarkt, in der Schule oder bei der Gesundheitsversorgung gefördert werden. Allerdings sind Frauen mit Behinderung keine besondere Zielgruppe des Jahres. Sie sind eine Gruppe unter vielen, für die das Jahr gedacht ist.

kobinet-nachrichten: Welche Erwartungen und Wünsche haben Sie - als Mitarbeiterin vom Weibernetz e.V. - an das Jahr?

Martina Puschke: Ich erhoffe mir in diesem Jahr vier Dinge: Wenn es uns in Europa gelingt, dass die Europäischen Staaten in diesem Jahr die UN-Konvention zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifizieren, wäre dies ein großer Erfolg. Diese UN-Konvention hat explizit auch positive Auswirkungen auf Frauen mit Behinderung. Als zweite Maßnahme wäre es ein großer Erfolg, wenn es in diesem Jahr gelänge, eine umfassende europäische Richtlinie für die Gleichbehandlung behinderter Menschen zu forcieren, von der auch Frauen profitieren würden. Zudem erhoffe ich mir eine stärkere europäische Vernetzung von Frauen mit Behinderung. Hierzu veranstalten wir vom Weibernetz eine europäische Konferenz vom 2.-4. Mai 2007 in Berlin. Auf dieser Konferenz soll ein europäisches Netzwerk behinderter Frauen gegründet werden, um auf Europaebene besser die Belange von Frauen mit Behinderung vertreten zu können. Und schließlich wünsche ich mir speziell für Deutschland, dass in diesem Jahr das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz bekannter und eine Kultur der Nicht-Diskriminierung gestärkt wird, so dass wir der Chancengleichheit für alle ein Stück näher kommen.

kobinet-nachrichten: Erwarten Sie konkrete Verbesserungen für Frauen mit Behinderungen im europäischen Jahr?

Martina Puschke: Wir haben ja bereits Erfahrungen mit solch thematischen Jahren. 2003 war zum Beispiel das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen. Der Erfolg dieses Jahres war eine etwas bessere Wahrnehmung der Belange behinderter Menschen in der Öffentlichkeit. Außerdem gelang es, den Slogan "Nichts über uns, ohne uns" verstärkt ins Bewusstsein zu bringen. Wenn wir es schaffen, in diesem Jahr der Chancengleichheit erneut ein öffentliches Bewusstsein für die Benachteiligung u.a. von Frauen mit Behinderung zu schaffen, haben wir wohl viel erreicht. Ganz konkrete Verbesserungen, die eine einzelne Frau im Alltag bemerkt, erwarte ich infolge dieses Motto-Jahres nicht. So ein Jahr ist aber hoffentlich dennoch ein kleiner weiterer Baustein, der uns zu mehr Respekt, Akzeptanz und Gleichstellung führt. Das hängt sehr von dem weiteren Verlauf des Jahres und der öffentlichen Berichterstattung ab.

kobinet-nachrichten: Sie erwähnten, die positiven Auswirkungen der UN-Konvention für Frauen mit Behinderung. Welche sind das konkret?

Martina Puschke: In der UN-Konvention ist behinderten Frauen etwas gelungen, was lange Zeit für unmöglich gehalten wurde: Durch ihre Überzeugungsarbeit gelang es mit Hilfe der Unterstützung von Regierungsdelegationen, neben der Schaffung eines eigenen Artikels für Frauen mit Behinderung, Frauen in verschiedenen Artikeln zu nennen. Somit wurde in der UN-Konvention ein Standard geschaffen, der uns auch in Deutschland bei der nationalen Gesetzgebung helfen wird, die Belange behinderter Frauen zu berücksichtigen. Außerdem werden die Staaten, welche die Konvention unterzeichnet haben, auf die Einhaltung der Vorschriften überprüft.

kobinet-nachrichten: Vom 2.-4. Mai veranstaltet das Weibernetz in Kooperation mit Disabled Peoples` International und International Training Advice Research die Tagung "Ein Netzwerk behinderter Frauen in Europa!" Was wäre - außer der Gründung eines europäischen Netzwerks - aus Ihrer Sicht ein gutes Tagungsergebnis?

Martina Puschke: Bislang haben sich Frauen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen aus elf Ländern Europas angemeldet. Sie alle sind an einer europäischen Vernetzung interessiert. Das stimmt mich sehr positiv, zumal bis zum Anmeldeschluss noch ein paar Wochen Zeit sind. Neben der Gründung eines europäischen Netzwerks erhoffe ich mir einen intensiven thematischen Austausch, der über die Tagung hinaus geführt werden kann. Denn wir können in Europa viel voneinander lernen. Während die Schwedinnen viel zur guten Assistenzsituation beitragen können, haben die Italienerinnen viel Erfahrung zum Thema Gewalt gegen behinderte Frauen und in Deutschland gibt es eine gute Vernetzung mit Frauen mit Lernschwierigkeiten usw. Natürlich wünschen wir uns sehr, dass die Tagung mehr als ein Auftakt zur europäischen Vernetzung ist. Dazu bedarf es aktiver Frauen aus verschiedenen Ländern, die "am Ball" bleiben können sowie konkrete Absprachen, in welchem Land eine Netzwerk-Adresse beheimatet sein kann, wo Gelder für das Netzwerk herkommen können etc. Wenn es uns darüber hinaus gelingt, die Zusammengehörigkeit als Europäerinnen zu stärken und zu sehen, welche Chancen Europa-Politik für uns hat, ist viel erreicht. Und wenn die Frauen schließlich positiv gestimmt und gestärkt wieder nach Hause fahren und dort in ihren jeweiligen Bezügen weiter für ihre Rechte streiten, können wir als Veranstalterinnen sehr zufrieden sein!

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Link zum Weibernetz
 

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