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01.05.2007 - 00:29

Netzwerk behinderter Frauen in Europa entsteht.

Von Dr. Sigrid Arnade

Berlin (kobinet) "Damit wir nicht länger an den Rand gedrängt werden" soll während einer Tagung vom 2. bis 4. Mai in Berlin ein Netzwerk behinderter Frauen in Europa entstehen.

"Meine Kindheit war in zwei Teile gespalten", erzählt Mila Shaliaeva aus Weißrussland. Zunächst lebte sie wie andere Kinder auch. Sie besuchte den Kindergarten und die Schule, lernte und spielte mit den anderen. Seit sie acht Jahre alt ist, muss sie aber aufgrund ihrer angeborenen fortschreitenden Behinderung einen Rollstuhl benutzen. "Damit änderte sich mein Leben total", erinnert sich Mila. "Ich wollte laufen, springen, Schlittschuh- und Skifahren, aber ich konnte es nicht mehr." Aufgrund vielfältiger Barrieren wurde sie zu Hause unterrichtet und konnte nicht mehr mit ihren Freundinnen draußen spielen oder ins Kino oder später in die Disco gehen. "Es war sehr schwer für mich, diese neue Situation zu akzeptieren. Aber ich hatte keine Wahl", berichtet die heute 30-jährige Frau rückblickend.

Nach dem Schulabschluss studierte sie und wurde Fremdsprachenlehrerin. Jetzt arbeitet sie als Übersetzerin in einer weißrussischen Behindertenorganisation. Mila lebt bei ihren Eltern, die sie in ihrem Alltag unterstützen. "Ich hätte sehr gerne Kinder, aber dazu müsste ich erst einmal einen Partner kennenlernen, der mein Leben mit mir teilen will", sagt sie.

Mila ist eine von rund 60 Millionen behinderten Frauen in Europa. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl Frankreichs. Die Lebensbedingungen der Frauen mit Behinderung in Europa sind abhängig von ihrer jeweiligen persönlichen und gesellschaftlichen Situation und damit sehr unterschiedlich. Es gibt aber strukturelle Gemeinsamkeiten: Behinderte Frauen werden als Frauen und als behinderte Menschen mehrfach diskriminiert. So bleiben Frauen mit Behinderung auch in der europäischen Behindertenpolitik immer noch weitgehend unsichtbar. Daher verwundert es nicht, dass behinderte Frauen in vielen gesellschaftlichen Bereichen benachteiligt sind.

Das weiß auch die 40-jährige Ana Peláez aus Spanien. Sie berichtet von Benachteiligungen behinderter Frauen auf dem Arbeitsmarkt. "Dadurch ist ihre finanzielle Situation wesentlich schlechter als die behinderter Männer oder nicht behinderter Frauen", sagt Ana. Selbst jüngere Frauen mit Behinderung haben nach Anas Erfahrungen trotz guter Ausbildung kaum eine Chance auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

Ana selbst besuchte nach dem frühen Tod ihrer Mutter zunächst eine Sonderschule für blinde Kinder. Später ging sie in die Regelschule und absolvierte Schule und Studium ohne große Schwierigkeiten. Sie studierte Erziehungswissenschaften, Psychologie und Sonderpädagogik. Jetzt arbeitet Ana in der Spanischen Blindenorganisation und im Spanischen Behindertenrat. Sie ist für internationale Beziehungen und für Frauenfragen zuständig. "Ich vertrete beide Organisationen auf vielen Veranstaltungen, verfasse Dokumente, schlage Gesetzesverbesserungen vor, beantworte die verschiedensten Anfragen und bin auf Dienstreisen in vielen Ländern unterwegs", beschreibt Ana ihre Arbeit.

Seit neun Jahren ist Ana verheiratet, seit vier Monaten hat sie eine Tochter. Unterstützt wird sie in ihrem Alltag durch eine Haushaltshilfe und eine Tagesmutter für ihre Tochter. "Ich habe als Frau mit Behinderung keine großen Barrieren erlebt", fasst Ana ihre Erfahrungen zusammen. "Aber viele behinderte Frauen haben nicht so viel Glück wie ich."

Damit Frauen mit Behinderung in allen Ländern Europas ein "normales" Leben ohne Benachteiligungen führen und in allen gesellschaftlichen Bereichen gleichberechtigt teilhaben können, werden über 100 behinderte Frauen aus 15 Ländern vom 2. bis 4. Mai in Berlin auf einer vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) finanzierten Konferenz ein europäisches Netzwerk behinderter Frauen gründen. Veranstalterin ist das Weibernetz e.V. in Kooperation mit Disabled Peoples´ International (DPI) und International Training Advice Research. Tagungssprachen sind Deutsch, Englisch und auf Anfrage die Deutsche Gebärdensprache. omp

Informationen zum Kongress gibt's unter www.weibernetz.de/termine.html#tagung
 

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