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kobinet-nachrichten 11.09.2007 - 14:18
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20 Jahre Selbstbestimmt Leben

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Köln (kobinet) Heute vor 20 Jahren wurde das Kölner Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen eröffnet. Ein Grund für kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul in seinem Kommentar einen Blick auf die Entwicklung der deutschen Selbstbestimmt Leben Bewegung in den letzten 20 Jahren zu richten.

Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul

20 Jahre soll das nun schon her sein, als sich damals eine Reihe von alten Hasen aus der Behindertenbewegung und jüngeren motivierten behinderten Menschen in einigen Städten Deutschlands zusammen gefunden haben, um ihre Angelegenheiten in Zentren für selbstbestimmtes Leben verstärkt selbst anzupacken. Diese Aktivitäten waren damals zwar ganz und gar nicht der Ursprung der deutschen Behindertenbewegung, sondern bauten auf den Aktionen der 70er und frühen 80er Jahre beispielsweise mit dem Krüppeltribunal und Demonstrationen auf, doch war die Gründung der Zentren für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen ein entscheidender Schritt, die Behindertenarbeit und -politik in Deutschland umzusteuern. Städte wie Köln, Bremen, Hamburg, Erlangen oder Kassel waren damals die Speerspitze für einen neuen Ansatz in der Behindertenarbeit und für eine behinderungsübergreifende Zusammenarbeit, viele andere Städte sollten folgen.

Selbstbewusst, frech, anklagend, aber auch handelnd und hart arbeitend mit klaren Konzepten präsentierte sich die Selbstbestimmt Leben Bewegung behinderter Menschen damals und meist auch heute noch. Dabei war jede Hilfe, bzw. jedes positive Beispiel, wie es anderswo besser geht, willkommen. Die Bewegung zehrte damals viel von der Entwicklung in den USA, Projekten in Großbritannien oder den Aktivitäten in den nordischen Ländern. Darauf baute die Philosophie auf, aber auch auf den Erfahrungen der Krüppelbewegung: Eine eigene selbstbewusste Identität als behinderter Menschen finden, sich auszutauschen, Peer Counseling und dort zu protestieren, wo das nötig ist. So war die Selbstbestimmt Leben Bewegung von Anfang an zwar erst mal klein, aber fein. Denn auch mit wenigen behinderten Menschen wusste man, Aufmerksamkeit zu ziehen, die Medien zu nutzen und Ungerechtigkeiten zu benennen und Änderungen einzufordern. Die Mischung aus hoher Qualität der Arbeit, aber auch die Offenheit für Neue und Neues, für's Ausprobieren, Wachsen und das Empowerment öffnete für viele AktivistInnen und so manches Projekt neue Türen. Protesttage, Kampagnen für Gleichstellungsgesetze, Konzepte für persönliche Assistenz und vor allem die Anmeldung des Machtanspruchs behinderter Menschen, selbst über die eigenen Belange zu bestimmen, waren wichtige Zeichen, die diese Bewegung setzte. Die Namensänderung der Aktion Sorgenkind zu Aktion Mensch mit einer neuen Förderpolitik waren dabei weitere Meilensteine.

Dass diese Aktivitäten für so manchen Verband und so manchen Funktionär damals recht unbequem war, wurde auch sehr schnell deutlich. Es gab so manche Reibereien mit anderen Behindertenverbänden und zuweilen wurde sogar versucht, Verbandsgliederungen bzw. behinderte Menschen davon abzuhalten, an den Aktionen der dann im Jahr 1990 gegründeten Dachorganisation der Zentren für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen, der Intereressenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) teilzunehmen. Das beflügelte die Bewegung jedoch eher, denn auf diese Weise wurden Unterschiede deutlich und auch die Notwendigkeit noch mehr zu kämpfen.

Die Pflegeversicherung, die Aufnahme des Benachteiligungsverbotes für behinderte Menschen in Artikel 3 und später die Gleichstellungsgesetze auf Bundes- und Länderebene waren weitere Kampffelder, die neben der Arbeit mit Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen vor Ort beackert wurden.

Das Herz der Zentren lag aber in der Regel bei den Menschen, die sich in den Initiativen organisierten bzw. dort Beratung und Unterstützung suchten. Und genau diese Kombination zwischen engagierter Interessenvertretung und der Beratung von Behinderten durch Behinderte war ein wichtiger Garant für die Bewegung, immer wieder auf den Boden, auf die Realitäten der einzelnen Menschen zurückgeholt zu werden. Vieles hätten dabei die Zentren mehr oder besser machen können, doch oft waren die Kräfte schlichtweg eingeschränkt. Der ständige Kampf um die Finanzierung von Projekten, die Unsicherheit des Personals, ob man auch nächstes Jahr noch einen Job hat, bis hin zur ständigen Überforderung, weil es soooooo viel zu tun gibt, forderten auch ihren Zoll. MitstreiterInnen wurden älter, widmeten sich ihren Familien, wurden auch müde und mittlerweile sind auch viele behinderte Menschen auf dem Weg durch die Geschichte der Bewegung gestorben. Und das ist das Bittere an der Entwicklung, dass vieles schlichtweg so langsam geht. So wäre es beispielsweise Wolfgang Uhl, der die ISL und das Erlanger Zentrum durch seine unkomplizierte und weitsichtige Art enorm voran getrieben hat, zu gönnen gewesen, nicht so früh zu sterben und mitzuerleben, was die Bewegung dann doch alles erreicht hat. Und es wäre andererseits zu wünschen gewesen, dass einer Erika Michel erspart geblieben wäre, um so viele Dinge zur Sicherung ihrer Assistenz und Menschenrechte kämpfen zu müssen, bevor sie starb.

In einer Zeit, in der das Kölner Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen am Freitag und das Kasseler Zentrum für selbstbestimmtes Leben am Samstag sein 20jähriges Bestehen gefeiert haben, lohnt es sich also, sich einmal zurückzulehnen und an die zu denken, die sich über viele Jahre hinweg, und sei es durch noch so viele vermeintlich "kleine" Taten, für andere behinderte Menschen stark gemacht und dem Mainstream getrotzt haben. Wir haben längst nicht alles erreicht, aber vieles angepackt. Mögen die nächsten 20 Jahren leichter und erfolgreicher werden, viele behinderte Menschen haben nämlich nicht die Zeit, darauf zu warten, dass ihre Menschenrechte hierzulande voll geachtet werden, ihr Leben ist meist schlichtweg zu kurz dafür.
 

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