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kobinet-nachrichten 31.10.2007 - 10:34
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Von der möglichen Wirtlichkeit unserer Städte

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Von Alexander Drewes

Berlin (kobinet) Alexander Mitscherlich, der große Psychoanalytiker und Schriftsteller, hat 1965 ein Buch unter dem Titel "Von der Unwirtlichkeit unserer Städte" veröffentlicht. Wie man menschengerecht bauen kann, wie man insgesamt eine Infrastruktur schaffen kann, die wirklich allen Menschen dient, davon zeugt eine am 26. Oktober im Berliner Kleisthaus stattgehabte Tagung der Heinrich Böll Stiftung unter dem Titel "Stadt für Alle - Urbaner Umbau zur Barrierefreiheit".

Dabei wurde offensichtlich, dass es sich bei der Umgestaltung zwar um ein Mammut-Projekt handelt, dass aber auf jeden Fall lohnenswert ist. Denn ein barrierefreier Umbau unserer Städte kommt, so konnte man sämtlichen Beiträgen als auch der nachfolgenden Diskussion entnehmen, nicht nur mobilitätseingeschränkten Menschen zugute, sondern tatsächlich allen.

Martin Marquard, Behindertenbeauftragter in Berlin, stellte zunächst die Vielgestaltigkeit von Barrieren im öffentlichen Raum dar, zeigte zunächst auf, welcher Umschwung in der Politik für behinderte Menschen durch gesetzgeberische Maßnahmen, nämlich das Landesgleichberechtigungsgesetz für Berlin und das Gleichstellungsgesetz für behinderte Menschen auf Bundesebene mit raschem Fortgang eingesetzt und sich Barrierefreiheit in zunehmendem Maße durchgesetzt hat. Besonders originell, weil plakativ und gleichzeitig werblich positiv, ist die Aktion "barrierefreies Berlin", mit der mit einem schwarz umrandeten weißen, nach oben zeigenden Pfeil auf gelbem Grund auf die Barrierefreiheit von allen Gebäuden, die Publikumsverkehre haben, hingewiesen wird. Gemeint sind hier neben Geschäften z.B. auch Kinos, Bahnhöfe, Kaufhäuser und - immer wieder ganz besonders wichtig - Gaststätten.

Wissenschaftlicher, aber kaum weniger interessant zeigte danach Dr. Peter Neumann das theoretische Konzept des "Design für Alle" auf, ohne es dabei allerdings an eindrücklichen Beispielen fehlen zu lassen.
Nimmt man allein Deutschland, so lässt sich aufzeigen, dass die prozentuale Anzahl von Menschen im Alter über 65 Jahren in einem Zeitraum von nur 80 Jahren - nämlich zwischen 1960 und 2040 - sich von 15 Prozent auf nahezu 30 Prozent praktisch verdoppeln wird. War die Gestaltung des städtischen Raums bislang am sogenannten Standardmenschen orientiert, der immerhin ein Gardemaß von 1,82 m misst, so wird man sich in Zukunft eher an körperlich kleineren Menschen in einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft orientieren müssen. Dass man bei einem derart umgreifenden gesellschaftlichen Wandel nicht mehr gruppenorientiert, wie behinderten-, kind- oder familiengerecht argumentieren kann, sondern zunehmend zu Lösungen übergehen muss, von denen wirklich jeder profitiert, musste eine teilhabeorientierte Grundlegung gefunden werden. Diese verbindet die allgemeine Nutzbarkeit mit der für jedermann erschwernislosen Zugänglichkeit und der Aufgeschlossenheit für menschliche Vielfalt. Dabei sollen Aspekte der leichten Verständlichkeit, der Ästhetik und der Nachhaltigkeit durchaus nicht zu kurz kommen, sondern als wesentliche Bestandteile jeweils eingebunden sein.

Dass und wie nützlich das "Design für Alle" ist, zeigen drei Zahlen: Barrierefreiheit ist für 10 Prozent der Bevölkerung unverzichtbar, bedeutet für 40 Prozent eine Notwendigkeit, stellt aber für 100 Prozent, also wirklich für alle, einen echten Komfortgewinn dar. Da es bei diesem Design-Ansatz schon dem Grunde nach auf eine Bedarfsanalyse ankommt und die Wünsche der Menschen zu berücksichtigen sind, müssen die Verbraucher letztlich in jeden einzelnen Schritt des Gestaltungsprozesses eingebunden werden. Eines der wesentlichen Argumente kontra Barrierefreiheit ist nach wie vor die Kostenfrage. Es lässt sich jedoch z.B. durch eine von der Schweizer Fachstelle für behindertengerechtes Bauen in 2004 in Auftrag gegebenen Studie nachweisen, dass - abhängig von der Größe des zu bauenden Gebäudes - das zusätzliche Kostenvolumen regelmäßig bei ca. einem Prozent der gesamten Bausumme liegt (nähere Informationen hierzu: www.hindernisfrei-bauen.ch). Dem weiterhin häufig zu hörenden und zu lesenden Argument, Investitionen in Barrierefreiheit lohnten nicht, steht ebenfalls eine gefestigte wissenschaftliche Deutung gegenüber, wonach - um nur ein Beispiel zu nennen - knapp 50 Prozent aller deutschen behinderten Menschen häufiger verreisen würden, gäbe es nur mehr barrierefreie zugängliche und nutzbare Angebote.

Anhand eines umfänglich barrierefrei gestalteten "Stadtmöbels", nämlich einer öffentlich zugänglichen Toilette, zeigte Dr. Neumann zum Schluss seines Beitrages auf, wie Stadtgestaltung in Zukunft funktionieren könnte. Die von ihm als "Visitenkarte" für die jeweilige Stadt bezeichneten "Stadtmöbel" müssten sowohl hinsichtlich des Design für alle, also optisch ansprechend, sicher, sauber, leicht nutzbar und zugänglich für Alle sein, als auch im Hinblick auf die Technologie höchsten Ansprüchen genügen. Zur Kenntlichkeit derart gestalteter Städte wies Dr. Neumann noch auf die "Flagge der Städte und Gemeinden für Alle" als neues Label hin.

Kurz eingegangen werden soll noch auf die Vorträge des Bremer Bürgerschaftsabgeordneten Horst Frehe und der Münsteraner Behindertenbeauftragten Doris Rüter. Zeigte Horst Frehe insbesondere die Problemschwerpunkte auf, die sich für behinderte Menschen im öffentlichen städtischen Raum ergeben - genannt seien hier insbesondere die Bereiche Verkehr, Baugestaltung und die eben schon erwähnten "Stadtmöbel" - so war der Ansatz von Doris Rüter insofern interessant, als sie die Beteiligungsaspekte betroffener Menschen in Münster sehr stark in den Vordergrund ihrer Ausführungen stellte. Prominente Schlagworte ihres Beitrages waren die Aspekte der "Vernetzung", der Schaffung eines problemorientierten Bewusstseins auch und gerade innerhalb des Verwaltungsapparates sowie - eines Bereiches, der ansonsten nach wie vor regelmäßig viel zu kurz kommt - der barrierefreien Kommunikation. Hinsichtlich der Beteiligung Betroffener wies auch Doris Rüter darauf hin, dass sie rechtzeitig erfolgen, planmäßig vorgesehen und während des gesamten Planungsprozesses einer Maßnahme erfolgen müsse.

Fazit:
"Design für Alle" muss als Regeltatbestand in Ausschreibungen aufgenommen werden, wozu es hilfreich scheint, die Bauordnungen insoweit zu ändern.
Wie sämtliche Beiträge aufgezeigt haben, scheitert die Schaffung von Barrierefreiheit vielfach weder an finanziellen Voraussetzungen noch an einem nachweisbaren Bedarf oder gar an der Böswilligkeit der Administration, sondern vielfach einfach an der Unkenntnis um die Möglichkeiten zur Schaffung eines menschenwürdigen und an der Vielgestaltigkeit menschlicher Lebensgestaltungen und der Vielfalt der menschlichen Entwicklung orientierten Handlungsrahmens. omp
 

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