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kobinet-nachrichten
01.11.2007 - 08:22
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Neudietendorf/Artern (kobinet) Der Paritätische Thüringen rühmt sich mit der Ankündigung, dass heute "mit nur 15 Plätzen" im thüringischen Artern "das kleinste Pflegeheim Thüringens eröffnet" wird.
Bislang diente die Einrichtung der Presseinformation des Paritätischen zufolge der Kurzzeitpflege für Menschen, deren häusliche Versorgung kurzzeitig nicht gesichert ist oder für die nach einem Krankenhausaufenthalt die häusliche Versorgung vorbereitet werden muss. Mit dem Heim schließe das Trägerwerk Soziale Dienste e.V. eine Versorgungslücke in der umfassenden Betreuung von Seniorinnen und Senioren.
"Der Bereich der Pflege ist ein Wachstumfeld. Dies ist nicht allein der Tatsache geschuldet, dass es auch und gerade in Thüringen immer mehr ältere und damit auch pflegebedürftige Menschen gibt. Zwischen Haushalt und Heim haben sich viele Angebote etabliert, die nach der Pflegereform, so sie denn kommt, noch intensiver genutzt werden können. Funktionierende Versorgungsketten beinhalten heute familienentlastende Dienste, Seniorenbegleitung, ambulante Pflegedienste, Tagespflege, Kurzzeitpflege, betreute Wohngemeinschaften, Pflegeheime oder auch Sterbehospize", heißt es in der Presseerklärung des Paritätischen Thüringen.
In Thüringen leben den Informationen des Paritätischen zufolge fast 70.000 Pflegebedürftige. Dreiviertel der Betroffenen werden in privaten Haushalten versorgt. Das neue Pflegewohnheim des Trägerwerkes Soziale Dienste e.V. sei eines von 24 im PARITÄTISCHEN Thüringen. Hinzu kommen 51 ambulante Pflegedienste und zahlreiche weitere Betreuungsangebote und Wohnformen.
Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) mochte die Begeisterung des Paritätischen Thüringen jedoch nicht teilen. "Wenn es so toll ist mit 14 anderen Menschen zusammen zu leben, dann frage ich mich, warum diejenigen, die solche Einrichtungen planen, dort nicht selbst einziehen. Gerade behinderte und ältere Menschen bräuchten möglichst individuelle Unterstützung und Lebensverhältnisse mitten in der Gemeinde statt sogenannte Heime, deren Strukturen man sich meist anpassen muss. Auch wenn dieses 'Heim' kleiner ist als viele andere, ist das noch längst kein Grund zum Jubeln, denn vielfach wurde mittlerweile bewiesen, dass eine ambulante Unterstützung möglich und zeitgemäßer ist, als neue 'Heime' zu bauen", so Ottmar Miles-Paul, Pressesprecher der ISL. elba
Christian Stadali schrieb am 09.11.2007, 11:02
Herr Richter spricht von der Auseinandersetzung als Würze des Lebens und ich gebe ihm recht. Nur so viel (das bezieht sich auch auf die anderen Leserbriefe): Es ist natürlich einfach einen Verband anzugreifen, der 10.000 Mitgliedsorganisationen hat. Nur ein Beispiel: Wir haben bei uns in der Drogenberatung Verbände, die die kontrollierte Abgabe von Heroin befürworten und solche, die sie verteufeln. Ob ein Verband eine gesellschaftliche Bandbreite spiegeln sollte, darüber kann man sich streiten, wir meinen ja. Und richtig ist das, was Herr Richter über den möglichen Spagat der Interessen von Einrichtungsbetreibern und BewohnerInnen schrieb, wobei ich das nicht so pauschal sehe, wie er. Wichtig ist es aus meiner Sicht, dass die Diskussion geführt wird, dass Missstände dort benannt werden, wo sie auftreten und um beste Lösungen gerungen wird (wie immer die dann aussehen möchten). Und damit das nicht zu wolkig ist, ein Beispiel, dass ich gestern erlebt habe. Da sagt mir ein 70jähriger Mann, der seine Frau liebevoll pflegt "ich bräuchte eigentlich mal Urlaub für mich allein". Ja er kannte die Möglichkeiten der Kurzzeitbetreuung, egal in welcher Form. Doch das war nicht sein Problem, "die Nachbarn hätten doch den Eindruck, ich lasse meine Frau im Stich". Das war sein Problem. Und hier sind wir alle gefordert, Barrieren in Köpfen abzubauen. Herzlichst Christian Stadali, Sprecher des PARITÄTISCHEN Thüringen. P.S. Wer die hier diskutierte Pressemitteilung im original lesen möchte (zumal, hier ist kein Heim NEU gebaut worden) infothek.paritaet.org/thue/index.nsf/info/idBE817113
Alexander Drewes schrieb am 09.11.2007, 00:48
Christian Stadali mahnt an, dass letztlich nicht die Wohnform entscheidend sein dürfe, sondern die Rahmenbedingungen in gesellschaftlicher, sozialer und finanzieller Hinsicht.
Meiner Meinung wird anders herum ein Schuh daraus. Es spielt - Wahlfreiheit hin oder her - eine wesentliche Rolle, in welche politische Richtung hin ein Leistungsträger sich geriert.
In Anbetracht der von Elke Bartz beigebrachten Presseerklärung muss sich der PARITÄTISCHE Thüringen schon fragen lassen, wie es denn tatsächlich um seine politische Gesinnung im Sinne von gleichberechtigter Teilhabe von an Demenz erkrankten Menschen steht.
Interessanter Weise geht Stadali auf die Kritik insbesondere der ISL auch gar nicht näher ein, sondern verliert sich vielmehr in der Wolkigkeit und Phraseologie der (scheinbaren) Wahlfreiheit. Entweder will er es wirklich nicht wahrhaben oder er versucht, die hier Mitlesenden absichtlich für dumm zu verkaufen, wenn er konstatiert, bei einem Angebot von alleine 24 stationären Einrichtungen gegenüber 51 ambulanten hätte eine gewisse Klientel - nämlich die der demenziell Erkrankten - eine tatsächlich Freiheit, sich die Wohnform selbst zu wählen. Das ist in Anbetracht der Platzzahlen Unsinn und das muss (und wird) er auch wissen. Insofern darf man aber durchaus gespannt sein, wie sich - gerade auch für sich vorgeblich progressiv gebende Träger wie den PARITÄTISCHEN - das ab dem 01. Januar rechtlich voll umfänglich gültige Persönliche Budget auf die stationären Einrichtungen auswirken wird.
Mag. jur. Alexander Drewes (LL.M.),
mailto:Drewes.Alexander@web.de
Rudi Richter schrieb am 08.11.2007, 14:51
Sehr geehrter Herr Stadali,
danke für Ihren Leserbrief. Ihr Engagement nehme ich Ihnen persönlich gerne ab. Doch leider ist es so, dass es unter dem Motto des Paritätischen "offen, vielfältig und tolerant" zum Teil zu offen zu geht. Es ist doch so, dass die großen Träger mehr Mitgliedsbeiträge zahlen und damit auch die Musik, die gespielt wird, entscheidend bestellen. Vielfältigkeit ist an für sich gut, doch kann diese Vielfältigkeit auch dazu führen, dass man nicht richtig weiß, auf welche Seite man sich stellen soll. Auf die Seite derjenigen, die darauf angewiesen sind, die Betten zu füllen oder auf die Seite derjenigen, die am liebsten gar keine Betten in Einrichtungen wollen, sondern dass diese zu Hause bei den Menschen stehen.
Nun ist die Welt wirklich nicht so einfach, wie sich das hier diskutieren lässt. Doch finde ich, dass es mittlerweile genug sogenannte Heime gibt und dass auch dort kräftige Kritik angebracht ist, wo neue gebaut werden. Also muss wohl noch ein bisschen mehr gestritten und vielleicht auch noch etwas mehr polarisiert werden. Das ist ja auch die Würze des Lebens und hoffentlich auch die Basis für konkrete Veränderungen.
Rudi Richter
A. Heinker schrieb am 08.11.2007, 01:48
Hallo,
in Sachsen ist noch Mittelalter:
www.bwz-chemnitz.de/ (auf der homepage beworben mit "Behinderten-Wohnzentrum Chemnitz). Allein die homepage zu besichtigen, bereitet Grusel!
A. Heinker.
Christian Stadali schrieb am 06.11.2007, 13:51
Als Verfasser der Pressemitteilung und Sprecher des PARITÄTISCHEN Thüringen erlaube ich mir auf den Leserkommentar zu reagieren. "Wir rühmen" uns nicht, dass eine Mitgliedsorganisation das kleinste Pflegeheim Thüringens eröffnet hat. Wer die Pressemitteilung genau liest, erkennt die Intention, die hinter der Meldung steht: deutlich zu machen, dass jeder ältere Mensch ein Recht auf Wahlfreiheit haben sollte. Ambulant vor stationär, Senioren-WG´s, Wohngemeinschaften für Menschen mit demenziellen Erkrankungen, Kurzzeit- oder Tagespflege, der Möglichkeiten gibt es viele und diese vielen Möglichkeiten finden wir in einem so großen Verband wie dem PARITÄTISCHEN auch abgebildet. Eine reflexhafte Ablehnung eines Pflegeheimes, egal welcher Größe, ist genauso wenig zielführend wie die Forderung nach ständig neuen Betonburgen. Nur, und dieser Hinweis sei mir gestattet, der berechtigte Anspruch selbstbestimmt zu leben, macht sich meines Erachtens nicht an der Wohnform fest, sondern an den Rahmenbedingungen, in gesellschaftlicher, sozialer und auch finanzieller Hinsicht. Und da sich der PARITÄTISCHE selten "rühmt", würde ich mich nur dann rühmen, wenn jeder Mensch die ihm genehme Lebensform immer und überall selbstbestimmt wählen könnte. Ob das nun die eigenen vier Wände, die WG oder das Heim ist, sollte ihm und ihr selbst überlassen bleiben, frei nach dem Motto des PARITÄTISCHEN "offen, vielfältig und tolerant". Herzlichst Christian Stadali, Sprecher des PARITÄTISCHEN Thüringen, www.paritaet-th.de
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