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23.11.2007 - 09:00

Neues Wohnheim für behinderte Menschen in Zwickau.

Zwickau (kobinet) Sachsens Sozialstaatssekretär Dr. Albert Hauser hat gestern in Zwickau ein neues Wohnheim für 41 geistig und mehrfach behinderte Menschen eingeweiht.

"Die selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe ist ein aus dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland abgeleiteter Anspruch von Menschen mit Behinderungen und ihren Angehörigen an das Leben in unserer Gesellschaft. Die Einrichtungen sollen den Lebensbedürfnissen der behinderten Menschen und deren persönlicher Weiterentwicklung Rechnung tragen, eine behindertengerechte Betreuung, Förderung und Pflege gewährleisten sowie eine wohnort- und angehörigennahe Versorgung sichern", so der Staatssekretär. Der Neubau wurde erforderlich, so heißt es in der Presseerklärung des sächsischen Sozialministeriums, weil das alte, im Jahre 1933 erbaute Heim nicht mehr den Mindestanforderungen für Heimplätze genügte. Im neuen Wohnheim seien 29 Einzelzimmer und sechs Doppelzimmer in fünf Wohnbereichen eingerichtet. Das Wohnheim sei ein modern und zweckmäßig gestaltetes Gebäude mit Flachdach.

Die Kosten in Höhe von ca. 2,7 Millionen Euro werden zu 80 Prozent durch den Freistaat Sachsen getragen. Je 10 Prozent der Kosten werden von der Stadt Zwickau und der Senioren- und Seniorenpflegeheim gGmbH übernommen. Die Senioren- und Seniorenpflegeheim gGmbH Zwickau als Träger des neuen Behindertenwohnheimes ist zur Zeit verantwortlich für vier Seniorenpflegeheime mit 466 Plätzen, ein Pflegeleitzentrum für Menschen im Wachkoma mit 20 Plätzen sowie drei Behindertenwohnheime mit 95 Plätzen. Zusätzlich ist ein weiteres Seniorenpflegeheim im Schloss Osterstein geplant. Der Träger Senioren- und Seniorenpflegeheim gGmbH ist eine Tochtergesellschaft der Stadt Zwickau. omp
 

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Leserbriefe zu diesem Artikel:.

Uwe Adamczyk schrieb am 26.11.2007, 13:24

Neues Wohnheim ... wirklich ein Erfolg 3

Ich habe Ihnen dieses kurz aus meiner persönlichen Betroffenheit erzählt, weil ich möchte, dass Sie nocheinmal über derartige Entwicklungen wie wir sie heute erleben müssen nachdenken können. Frau Orosz, Sie und viele andere auch haben im Sächsischen Landtag immer wieder betont, das es nicht hilft immer wieder neue Gesetze, Verordnungen und Richtlinien zu erlassen um auch Menschen mit Behinderung in unsere Gesellschaft zu integrieren sondern das es vielmehr eine Frage der Entwicklung in unseren Köpfen sein muß um auch Menschen mit Behinderung ein gleichwertiges Lebensgefühl in unserer Gesellschaft zu ermöglichen.

Eine Einrichtung der Behindertenhilfe, sei es ein Heim, ein Wohnheim, eine WfB oder sonstige Einrichtung, sollte nach Möglichkeit nie ein dauerhafter Zustand für einen Menschen mit Behinderung sein, eine solche Einrichtung muß immer das Ziel haben, einen Menschen mit Behinderung die Chance zu eröffnen sein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu gestalten. Dabei ist der Schweregrad der Behinderung nicht relevant. Gesellschaftlich müssen wir darüber nachdenken, was wir tun können um ein selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderungen zu ermöglichen.

Letztendlich müssen wir uns die Frage stellen:
- Ist das was wir heute als moderne und behindertengerechte Einrichtungen anpreisen und als Erfolg verkaufen tatsächlich im Sinne eines menschenwürdigen und selbstbestimmten Lebens ein Erfolg?
- Wieviel Behindertenwohnheimplätze brauchen wir wirklich – sind fast 100 Plätze in städtischer Verantwortung der Stadt Zwickau nicht viel zu viel?
- Was tuen wir um auch diesen Menschen langfristig die Chance zu eröffnen auf eigenen individuellen Wohnraum – oder möchten wir das gar nicht?
- Wer bestimmt denn wirklich was ist gut für den Behinderten und was nicht - wo und wie werden die Bedürfnisse des Betroffenen berücksichtigt?

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir auf meine Zeilen antworten würden.

Uwe Adamczyk

Uwe Adamczyk schrieb am 26.11.2007, 13:23

Neues Wohnheim ... wirklich ein Erfolg 2

Ich möchte nicht falsch verstanden werden, ich lehne nicht grundsätzlich jedes Heim bzw. jede behindertenspezifische Einrichtung ab. Ich möchte den Anteil von letztendlich dererlei Anstalten so gering wie nur möglich halten und jedem einschl. auch der Menschen mit einer geistigen Behinderung individuelle Wohnverhältnisse ermöglichen. Ich weiß das es sehr schwer ist und sicher auch oftmals nur schwer vorstellbar das eigentlich fast jeder Mensch in seinen 4-Wänden eigenständig wohnen kann. Ich kenne auch die zahlreichen Vorbehalte von sogenannten Praktikern. Für mich stellt sich hierbei immer die Frage – möchte ich bzw. möchten Sie in einer solchen Einrichtung ihr Leben verbringen?

Ich habe selbst erfahren; was es heißt in einem Heim zu leben. Nahezu meine gesamte Kindheit und Teile meiner Jugend habe ich in Heimen verbracht. Immer unter Aufsicht und sicher kaum mit den Bedingungen die es heute in Heimen gibt zu vergleichen. Wir waren 12 – 16 Personen in einer Gruppe, die Schlafzimmer waren mit 3 bis 10 Menschen belegt. Unsere räumlichen Verhältnisse waren bestimmt nicht die besten. Und dennoch, den Abschnitt im Heim möchte ich heute nicht missen. Ich bin heute noch meinen Erziehern, Lehrern, Schwester und anderen Pflegekräften sehr dankbar für das was sie mir gelehrt und beigebracht haben – Selbständig, Zuversicht, Vertrauen in mich selbst. Als ich damals das Heim nach Beendigung der Schule verlassen musste, hatte ich mir eigentlich nichts sehnlicheres gewünscht als wieder in ein Heim zu kommen wo ich unter gleichen bin.

Aber es kam anders, die damals Verantwortlichen beim Rat des Kreises Abt. Gesundheits- und Sozialwesen verordneten eine Unterbringung in ein Krankenhaus um somit letztendlich eine Betreuung sicherzustellen. In dieser Einrichtung hatte ich Anfangs sehr das Gefühl, dass man mich eigentlich nicht wollte und die dort Beschäftigten zum großen Teil auch überfordert waren, einen Menschen mit Behinderung als gleichwertigen Menschen anzunehmen. Sehr groß waren die Unsicherheiten auf beiden Seiten. Und dennoch, ein paar Mitarbeiter haben mich in meinen persönlichen Bedürfnissen ernst genommen und mir letztendlich geholfen auch außerhalb eines Heimes auf eigenen Füßen stehen zu können.

Heute kann ich mir nicht vorstellen wieder in einem Heim zu leben. Das was ich in meinem Leben an persönlicher Lebensgestaltung und Lebensqualität haben kann, kann mir keine Einrichtung bieten mag sie noch so toll und behindertengerecht eingerichtet sein, mögen die Menschen die dort arbeiten noch so verständnisvoll und umsorgend sein, dieses mein persönliches Lebensgefühl können sie nicht ersetzen.

Uwe Adamczyk schrieb am 26.11.2007, 13:21

Neues Wohnheim ... wirklich ein Erfolg

ich sehe es ebenfalls sehr kritisch, genau wie diejenigen die schon geschrieben haben. Deshalb habe ich mich mit einem Brief an die Sozialministerin Frau Orosz, den Staatsekretär für Soziales Herrn Dr. Albert Hauser, die Bürgermeisterin Dezernat Soziales und Kultur - Dr. Pia Findeiß sowie die Behindertenbeauftragte der Stadt Zwickau Frau Irina Teichert gewandt, welchen ich hiermit im wesentlichen widergebe.

"So richtig nachvollziehen kann ich es nicht, wenn die Staatsregierung in Sachsen, vertreten durch den Staatssekretär für Soziales Dr. Albert Hauser und auch die Stadt Zwickau die Einweihung einer solchen Behinderteneinrichtung für 41 geistig behinderte Menschen auch noch als Erfolg für eine erfolgreiche Integrationspolitik feiern möchten. Herr Dr. Hauser schreibt in seiner Pressemitteilung: (Zitat wie im Artikel beschrieben)

In meiner 10-jährigen Abgeordnetenarbeit im Sächsischen Landtag musste ich mir durchaus desöfteren zu Recht von den Staatsministern für Soziales aber auch von den Sozialpolitikern der CDU-Fraktion die verheerenden Bedingungen in den sogenannten Behinderteneinrichtungen der ehemaligen DDR vorwerfen lassen, insbesondere im Bereich der geistig behinderten Menschen. Dies soll von mir auch nicht geleugnet werden, denn was in diesen Einrichtungen zum Teil geschah hatte nur selten etwas mit Menschenwürde zu tun. Um so mehr erkenne ich auch an, dass unter dem damaligen Sozialminister Dr. Geisler erhebliche Anstrengungen unternommen worden um diese Großeinrichtungen aufzulösen.

Aber seien wir ehrlich, es ist doch bestimmt nicht der richtige Weg aus Großeinrichtungen einfach kleinere Einrichtungen zu machen auch wenn wir diese optimal ausrüsten und gestalten. Sogenannte Heime sollten doch auch in unserer Gesellschaft eher zum Ausnahmefall werden. Wo bleibt hier das Prinzip ambulant vor stationär? Wer von uns, der solche Einrichtungen befürwortet, möchte sich selbst vorstellen in einer solchen Einrichtung sein Leben zu verbringen?

Uwe Heineker schrieb am 23.11.2007, 14:39

Der an sich gute Kampagne ...

... "Daheim statt Heim" ist angesichts dieser Entwicklung gut geraten, weitere Aktionsformen zu ersinnen und diese bei Bekanntwerden von Bauvorhaben oder Eröffnungen von "Heimen" öffentlichkeitswirksam einzusetzen.

Nur so kann ein Prozess des Umdenkens und schließlich auflösen der bestehenden Strukturen in Gang gesetzt werden - ein wird ein sehr langer Weg, den es lohnt, ihn zu gehen und zu bestreiten.

A. Heinker schrieb am 23.11.2007, 13:11

Zu befürchten: Leider nichts anderes aus Sachsen z

Hallo,
ich kann mich immer nur wiederholen: Sachsen ist Mittelalter, was eigenständiges Leben von Menschen mit Behinderung anbelangt!
Heinker

Dr. Martin Theben schrieb am 23.11.2007, 13:10

Sachsen schert aus

Eine Meldung die wahrlich nicht zu der auch von unserer Kanzlei unterstützten Kampagne "Daheim statt Heim" passt. Der Verlautbarungastext des Ministeriums erinnert an finsterste Zeiten der institutionalisierten Aussonderung . Das Geld hätte nach § 13 SGB XII in ambulante, selbstbestimmte Strukturen investiert werden können, wenn nicht gar müssen. Ich vermisse hier auch ein klares Wort der Behinderetenbeauftragten des Bundes, die ja auf ihrer Budgettour gerade das Gegenteil propagiert. Der Bau von Heimen ist nicht nur Sache der Länder!

Dr. Theben
Rechtsanwalt

Elke Bartz schrieb am 23.11.2007, 10:25

Unsäglich

"Die selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe ist ein aus dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland abgeleiteter Anspruch von Menschen mit Behinderungen und ihren Angehörigen an das Leben in unserer Gesellschaft..." wird Sachsens Sozialstaatssekretär Dr. Albert Hauser bei der Einweihung einer neuen Anstalt für Menschen mit Behinderungen zitiert.

Und warum lassen Sie es zu, dass Menschen mit Behinderungen in Aussonderungsgettos kaserniert werden, Herr Staatssekretär? frage ich. Und warum nehmen Sie an Jubelveranstaltungen teil, bei denen sich all diejenigen auf die Schultern klopfen, denen es wieder einmal gelungen ist, vorbei an allen Menschenrechten und den tatsächlichen Bedürfnissen der künftigen Insassen, geplant und gebaut zu haben?

Liegt es vielleicht daran, dass Sie nicht die geringste Ahnung davon haben, wie es sich anfühlt, in einer Anstalt zu leben und sei sie noch neu gebaut? Ein Käfig bleibt ein Käfig, egal ob die Gitterstäbe rostig oder golden sind.

Diese Fragen stellt Ihnen eine Frau mit Behinderungen, die rund um die Uhr auf Assistenz angewiesen und trotzdem seit 26 Jahren frei lebend ist, die nach fünf Jahren "Heim"leben weiß, wie sich das anfühlt und die als Vorsitzende des Forums selbstbestimmter Assistenz behinderter Mneschen und eine der Erstunterzeichnerinnen der Bundesinitiative "Daheim statt Heim" alles in ihrer Macht stehende tut, damit Menschen mit Behinderung nicht mehr ausgesondert werden.

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