![]()
Druckversion
kobinet-nachrichten
01.12.2007 - 00:05
URL: http://www.kobinet-nachrichten.org

Berlin (kobinet) Ein Jahr nach Beginn der Bundesinitiative "Daheim statt Heim" hat die sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Silvia Schmidt festgestellt, dass der Markt für Pflegeimmobilien zwar boomt, doch immer weniger Menschen ins Heim möchten.
"Obwohl die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung von Deutschland gezeichnet wurde, welche die volle selbstbestimmte Teilhabe der Menschen mit Behinderung fordert, boomt der Markt für Pflegeimmobilien. Noch immer glauben viele kommunale Entscheidungsträger, sie würden den Bürgerinnen und Bürgern eine Wohltat erweisen", erklärte die Initiatorin der Kampagne, die in Deutschland und auch in Österreich viel Zuspruch bekam. Die Menschen würden längst mit den "Füßen abstimmen" und den Einzug in ein Heim möglichst lange hinauszögern.
Deshalb hat die Behindertenbeauftragte ihrer Bundestagsfraktion gemeinsam mit Wissenschaftlern, Trägern großer sozialer Einrichtungen, Journalisten, Behindertenbeauftragten von Ländern und Kommunen, Politikern und Betroffenen die Bundesinitiative "Daheim statt Heim" gegründet. Die 24 Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichner (Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, Prof. Georg Dr. Theunissen, Henning Scherf, Bürgermeister a.D., Rolf Stöckel, MdB, Gabriele Lösekrug-Möller, MdB, Dr. Wolfgang Wodarg, MdB, Dr. Ilja Seifert, MdB, Markus Kurth, MdB, Elke Bartz, Ottmar Miles-Paul u.a.) fordern den Baustopp für neue Heime und den Abbau bestehender Heimplätze.
"Die Initiatoren sind sich darüber im Klaren, dass Heime nicht von heute auf morgen geschlossen werden können. Es müssen möglichst viele alternative Wohnangebote und ambulante Dienstleistungsangebote geschaffen werden, damit die Menschen zwischen verschiedenen Angeboten wählen können. Der barrierefreie Umbau von Wohnungen muss durch Wohnraumberatung und zinsgünstige Kredite gefördert werden", betonte die Bundestagsabgeordnete.
Städte und Kommunen sieht sie in der Pflicht, für Schwellenfreiheit zu sorgen und den Dritten Sozialraum, also das bürgerschaftliche Miteinander, zu gestalten. Noch immer hätten viel zu wenig pflegebedürftige Menschen die Möglichkeit, in ihrem eigenen Zuhause zu leben, weil die entsprechende Infrastruktur in den Gemeinden fehlt. Der Bedarf an ambulanten Angeboten und Dienstleistungen sei erheblich. Anspruch auf ein menschenwürdiges Leben hätten ausnahmslos alle Bürgerinnen und Bürger. Gemeindenahe Angebote und Dienstleistungen für das selbstbestimmte Leben älterer Menschen und Menschen mit Behinderung seien in Ländern wie Dänemark und Schweden bereits etabliert.
Für selbstbestimmtes Leben mitten in der Gesellschaft nannte die Bundestagsabgeordnete gute Beispiele. Große soziale Träger, wie die Evangelische Stiftung Alsterdorf in Hamburg, die Evangelische Stiftung Hephata in Mönchengladbach, das Johanneswerk in Bielefeld und die Stadt Bielefeld selbst, hätten bereits Beachtliches geleistet. In Bremen, Kassel und in der Gemeinde in Eching wurde der Beschluss gefasst, keine Heime mehr zu bauen. Ambulant arbeitende Pflegekräfte bringen die Hilfe zu den Menschen, damit sie in ihrer selbst gewählten häuslichen Umgebung, in einer selbst gewählten kleinen Wohngruppe, einer WG mit Freunden oder in einem Wohnquartier leben können.
1500 Personen, Vereine und Verbände sind in der Unterstützerliste der Bundesinitiative "Daheim statt Heim" zu finden, darunter der Sozialverband Deutschland, der allein 500.000 Menschen vertritt. Nicht nur die Situation der älteren Menschen und der Menschen mit Behinderung möchte die Bundesinitiative "Daheim statt Heim" verbessern und humaner ausgestalten. Die vielen Pflegekräfte in den Heimen, die für wenig Geld aufopferungsvolle und schwere Arbeit leisten, würden vom Erfolg der Initiative profitieren. Die Unterstützung von motivierten sozialversicherungspflichtig beschäftigten persönlichen Assistenten mit einem ordentlichen Gehalt könnte sowohl die Zufriedenheit der Pflegekräfte als auch der Menschen mit Unterstützungsbedarf steigern.
"Ich unterstütze die Bundesinitiative ‚Daheim statt Heim'", schreibt der Kabarettist Dieter Hallervorden, "weil man sich an einen geliebten Menschen nur dann mit einem Lächeln erinnert, wenn man ihn bis zum Schluss liebevoll behandelt hat." Für liebevolle Behandlung fehlt in Heimen viel zu oft die Zeit. Und Unterstützerin Nina Ruge fordert mehr "gute und kreative Angebote". sch
© Kooperation Behinderter im Internet e.V.
Alle Rechte vorbehalten