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16.02.2008 - 07:58

Jubelfeier für ein neues Altenheim in Igersheim.

Igersheim/Berlin/Hollenbach (kobinet) Die Initiatorin der Bundesinitiative "Daheim statt Heim", Silvia Schmidt, fragt, wer sich tatsächlich über den ersten Spatenstich für ein neues Altenpflegeheim im baden-württembergischen Igersheim freue. Die sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete reagiert mit dieser Frage auf einen Artikel der "Fränkischen Nachrichten".

Schmidt: "Wieder einmal hat es eine Betreibergesellschaft geschafft, einen Bürgermeister davon zu überzeugen, dass der Bau eines Heimes zum Wohle der Menschen sei. Beim ersten Spatenstich am 9. Februar 2008 in Igersheim wurde gejubelt. Vor allem von der Betreibergesellschaft, die seit über 17 Jahren in Deutschland tätig ist und zu den 'erfahrensten' Betreibern von Sozialimmobilien in Deutschland gehört. 26 Einrichtungen unterhält die Unternehmensgruppe. In überschwänglichen Worten jubelt die regionale Presse, ' …dass es nun endlich losgehen könne'. Das klingt so, als würden die alten Menschen schon Schlange stehen, um endlich in Heimverwahrung zu kommen."

So fortschrittlich, wie sich die Verantwortlichen geben, seien sie auch dann nicht, wenn sie sich mit der Einrichtung eines so genannten Snoezelen-Raums brüsten. Denn dieser könne, so angenehm das Dösen und Entspannen dort auch sein wird, niemals die häusliche Umgebung oder das Leben in einer kleinen selbst gewählten Umgebung ersetzen.

Schmidt hatte im Namen der Initiative "Daheim statt Heim" bereits im September Briefkontakt mit dem Igersheimer Bürgermeister Schaffert, in dem sie darstellte, dass es menschenwürdiger sei, in ambulante statt in stationäre Strukturen zu investieren. Schaffert antwortete daraufhin, dass das "Heim" ohne öffentliche Förderung gebaut würde und "es sicherlich immer einen gewissen Prozentsatz von Pflegefällen geben (würde), bei denen eine Unterbringung in einem Pflegeheim unumgänglich ist".

Heime seien, sagt auch Elke Bartz von "Daheim statt Heim" und Vorsitzende des Forums selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA e.V.), Sonderwelten, in denen die Menschen von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen würden. Bartz, die im Nachbarkreis des geplanten "Heimes" lebt, meint: "Es ist schrecklich. Kaum ist der Spatenstich für das so genannte Heim in Igersheim getan, wird es im hohenlohischen Waldenburg einen Bürgerentscheid darüber geben, ob eine Einrichtung des Betreuten Wohnens gebaut wird. Eine Waldenburgerin wird in der Hohenloher Zeitung zitiert, sie lehne dies ab, da es keinen Bedarf am betreuten Wohnen, sondern einen an neuen Heimplätzen gäbe. In der gleichen Zeitung wird am 15. Januar berichtet, dass in Neuenstadt am Kocher ein Heim mit 25 Plätzen für demente Menschen gebaut werden soll. Es ist entsetzlich".

Silvia Schmidt: "Dass Pflegeimmobilien eine lukrative Einnahmequelle sind, das pfeifen die Spatzen aus den Fachblättern für Wirtschaft und Finanzen. Pflegeimmobilien sind ein Markt für Investoren, denen es gleichgültig ist, was das Sozialgesetzbuch IX und die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung fordern: Die Teilhabe vor Fürsorge, ambulant statt stationär! So lange auch kommunale Politik sich einen Dreck darum schert, was Menschen im Alter und im Falle einer Behinderung wollen, wird sich Igersheim noch oft wiederholen. In Dänemark gibt es keine Altenheime mehr, in den europäischen Ländern werden konsequent gemeindenahe Dienste ausgebaut, in Städten wie Bielefeld werden vorbildlich ambulante Strukturen aufgebaut." Große Träger wie die Evangelische Stiftung Alsterdorf, die Evangelische Stiftung Hephata Mönchengladbach und das Johanneswerk Bielefeld hätten die Pflege erfolgreich deinstitutionalisiert. Diesen Konzepten gehöre die Zukunft! "Die 'Igersheimer' im ganzen Land werden weiter dazu beitragen, dass Deutschland Schlusslicht bleibt, was den menschenwürdigen Umgang mit ihren älteren und behinderten Menschen angeht. Bravo Herr Bürgermeister! Bravo, Herr Landtagsabgeordneter … und die Fäustchen gerieben, Herr Betreiber. 10 Prozent Rendite werden die alten Leutchen für Sie schon abwerfen!" hjr
 

 
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Leserbriefe zu diesem Artikel:.

Uwe Frevert schrieb am 16.02.2008, 15:32

Grundsätzliches Verbot von „Heimen“ erforderlich

Hier handelt es sich um private Institutionen. Eines der Merkmale von Institutionen ist, dass sie hierarchische Strukturen haben, ähnlich wie beim Militär oder dem Gefängnis. Die Beschränkung der Freiheit wird aber auch durch die Sachleistung der Pflegeversicherung verstärkt. Der § 71 des Pflegeversicherungsgesetzes ermächtigt stationäre Einrichtungen die Sachleistung nur unter ständiger Verantwortung der Pflegedienstleitung zu erbringen. Das heißt nichts anderes als dass die Pflegedienstleitung allein darüber entscheidet WIE, WANN und durch WEN die Pflege erbracht wird. So können die untergebrachten alten und behinderten Menschen nicht mehr bestimmen WANN sie aufstehen wollen und auch nicht entscheiden WER ihren Körper berühren darf. Der Einsatz des Personals wird durch die Pflegedienstung bestimmt und nicht durch die Bewohner selbst.

Viele psychologische Untersuchungen mit Rollenspielen haben gezeigt, dass Menschen, die in der Hierarchie oben stehen und sich ihrer Macht bewusst sind, die guten Argumente der untergebenen nicht beachten, wenn sie ihren Ansichten widersprechen. Die schlimmsten Auswüchse hierzu gab es in der nationalsozialistischen Diktatur mit der Vergasung von behinderten und kranken Menschen.

Das Pflegeversicherungsgesetz gibt den behinderten Menschen an keine Stelle die Macht zurück mit welcher sie ihre Behinderung ausgleichen könnten. In den Paragraphen und den vielen Ausführungsbestimmungen wird vielmehr die Macht der Institutionen (Pflegedienste) gestärkt und so verhindert die hierarchische Struktur der „Heime“ eine natürliche Aufrechterhaltung, sich um das eigene Wohlergehen kümmern zu können.

Weil aber unbewusst jeder ahnt, wie schrecklich diese Fremdbestimmung sein kann, wird von allen Beteiligten beschönigend der Begriff „Heim“ hoch gehalten und auch dann gejubelt, wenn es eigentlich nichts beschönigendes gibt. Die Gesellschaft macht sich hier etwas vor und verschwendet in Anbetracht der steigenden Zahl an Pflegebedürftigen sehr viel Geld und Zeit.

Aus diesem Grunde bin ich davon überzeugt, dass ein grundsätzliches Verbot für den Betrieb und den Ausbau von „Heimen“ erforderlich ist.

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