
Brüssel (kobinet) Um 8.25 Uhr sollte Lucas Katsioulis gestern wie jedes andere Kind in Europa wieder zur Schule gehen. Noch vor dem Eingang der Europäischen Schule traf Lucas einen Mitschüler und beide gingen Hand in Hand Richtung Eingangstor. Plötzlich tauchte die Schulleiterin auf, trennte die beiden Kinder voneinander, forderte das eine Kind auf in die Klasse zu gehen und forderte Lucas, der aufgrund seiner autistischen Behinderung dort nicht mehr beschult werden soll, auf wieder nach Hause zu gehen. Dies berichtet Wasilios Katsioulis gegenüber den kobinet-nachrichten. Der Vater streitet nun schon seit vielen Wochen für den Verbleib seines neunjährigen Sohnes mit autistischen Störungen an der Europäischen Schule, die die weitere Beschulung des Kindes aufgrund seiner Behinderung verweigert.
Dem Einwand der Mutter, es gäbe in Brüssel keine geeignete Alternative, wurde dem Bericht von Wasilios Katsioulis mit Achselzucken erwidert. Schliesslich hätte man ja drei Wochen Zeit gehabt, eine (nicht existierende) Alternative in Deutscher Sprache zu suchen. Auch der Einwand der Mutter, Lucas sei wie jedes nicht behinderte Kind schulpflichtig, sei mit Desinteresse zur Kenntnis genommen worden. Selbst die Ankündigung die Polizei rufen zu wollen konnte die Schule nicht von ihrem Beschluss abbringen, Lucas wegen seiner Behinderung auszuschliessen.
"Die Schule hat ein von ihr ín Auftrag gegebenes Gutachten der Universität Aachen gar nicht abgewartet, sondern mit dem heute praktisch erfolgten Rauswurf Fakten geschaffen, die für Lucas zu schwerwiegenden Nachteilen führen kann", so der Vater Wasilios Katsioulis. "Ein von uns vorgelegtes Kurzgutachten der ABA Experten indes belegt, dass die Integration möglich ist und grundlos von der Schule verweigert wird. Gerade die Europäische Schule würde sich fur die Integration behinderter Kinder besonders eignen", so Wasilious Katsioulis, "denn hier haben alle Kinder die Möglichkeit in ihrer eigenen Heimatsprache zu sprechen." Dass man gerade diese Kinder ausschliessen will, sei mehr als uverständlich. Hierdurch würden Eltern mit lernbehinderten Kindern systematisch von der Schule benachteiligt. "Ich werde unser Recht auf Integration juristisch und politisch weiter verfolgen", so Wasilios Katsioulis. Der Anwalt der Familie Dr. Oliver Tolmein aus Hamburg werde Beschwerde gegen den Schulbeschluss einlegen und Wasilios Katsioulis bereitet Petitionen vor, die dem Europäischen Parlament und allen involvierten nationalen Parlamenten vorgelegt werden. moh
Michael Baumeister schrieb am 04.06.2009, 10:56
Ja, im Grunde dürfte es kein Problem geben. Fakt ist aber, dass unsere Kinder regelmäßig gegen den Willen der Eltern und gegen Wort und Sinn der UN-konvention aus der Regelschule ausgegrenzt werden.
Die UN-Konvention ist in der Realität der Schulen noch nicht angekommen, den Schulleitungen ist sie oft nicht einmal bekannt.
Lösungen gibt es immer nur für den den Einzelfall.
Die Erfahrung zeigt, nur wenn sich Eltern lautstark wehren, werden ihre Kinder bei der Verteilung auf die wenigen Plätze im gemeinsamen Unterricht berücksichtigt. Wer sich nicht wehrt, hat i.d.R. keinen Chance. Und viele Eltern haben einfach nicht die Kraft, immer und immer wieder gegen Widerstände zu kämpfen.
Cordula Müller schrieb am 04.06.2009, 10:29
Ja, die optimale Vernetzung fehlt und vor Allem fehlen die ANDEREN Eltern von REGELKINDERN, die mitkämpfen für die Eine Schule für Alle.Es ist ja immer noch nicht in ALLEN Köpfen angekommen, daß wir zwar einerseits für unser Wahlrecht kämpfen, wo unsere besonderen Kinder gefördert werden , andererseits aber AUCH für ein grundlegend neues Konzept der Schule an sich!!!!
Heute morgen musste ich im Radio hören, daß Eltern in Siegburg St Augustin wieder nach einer neuen GESAMTSCHULE schreien, die Landesregierung muss endlich einsehen, daß unser altes Schulsystem geändert werden muss, Hauptschulen gehen zu Ende und Gesamtschulen rücken nach, wobei IMMER bei jeder Neugründung von Gesamtschulen ausdrücklich der Gemeinsame Unterricht mit aufgebaut werden soll.
Gesamt heisst nunmal ALLE zusammen -ALLE.
Wie können wir uns vernetzen?
Unterschriftenaktionen, schliessen Sie sich dem NRW Bündnis Eine Schule für Alle an.
Und gewinnen Sie Eltern von NICHTBEHINDERTEN Kindern z. B. auf Schulfesten mit Unterschriftensammlung...
Noch denkt die Landesregierung wie beim Thema Gesamtschule-kein Bedarf, wir werden sie eines Besseren belehren und klagen in jedem Fall von Abweisung und Zuweisung zur Sonderschule, sofern Eltern dies wünschen.
Es wird der Richter ,die Richterin kommen, die sich auf die UN Konvention berufen wird .
Elterninitiative Bornheim Gemeinsamer Unterricht
Wasilios Katsioulis schrieb am 04.06.2009, 10:11
Die UN Menschenrechtskonvention fuer Behinderte Menschen ist eineindeutig: "niemand darf wegen seiner Behinderung aus einer Regelschule ausgeschlossen werden" und weiter "notwendige Adaptionen muessen zur Verfuegung gestellt werden"
Gerade die Adaptionen sind das Mittel zur Erreichung des Ziels, ich vergleiche das gerne mit dem folgenden Beispiel:
Stellt man beispielsweise einem Kind mit Autismus nicht die notwendige Schuladaption ABA zur Verfuegung, damit das Kind hierdurch SELBST MOTIVIERT wird seine Verhaltensauffaelligkeit zu minimieren und besser zu kontrollieren und damit in den Klassenverband integrierbar zu sein, so waere das so, als wuerde man einem Menschen dem beide Beine amputiert wurden den Rollstuhl oder die Unterarmgehstuetzen verweigern. Die Adaption muss fuer den Behinderten Menschen immer passgenau sein.
Die Europaeische Schule hat fuer solche und andere Adaptionen im Budgetjahr 2009 200.000 Euro erhalten, um es behinderten Menschen zu ermoeglichen, am Regelschulbetrieb teilzunehmen. Andere Schulen in Europa waren ueber den Erhalt solcher Betraege zur Integration behinderter Menschen froh. Also wo ist das Problem?
Michael Baumeister schrieb am 04.06.2009, 07:43
@Cordula Müller
ja, die Beobachtung, dass nur wenige Fälle so ausführlich diskutiert werden, ist richtig. Obwohl es zur Zeit verstärkt Initiativen von Eltern gibt, an dieser Situation etwas zu ändern, gelingt es uns nicht, die Menschenrechtsverletzungen, die regelmäßig an unseren Kindern verübt werden in den Blickwinkel der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken.
Das hat sicher damit zu tun, dass in den Köpfen er meisten unbedarften Bürger, Pädagogen und Politker noch immer die Mär vom besten Förderort Sonderschule spukt.
Aber es hat auch damit zu tun, dass Eltern doch zunächst einmal allein da stehen, auch wenn die Zahl der aus dem Regelschulsystem ausgegrenzten Kinder beachtlich ist.
Ich befürchte allerdings auch, dass die in dieser umfangreichen Diskussion zum Ausdruck gebrachte Wut ein wenig verraucht, weil ich nicht glaube, dass der richtige Addressatenkreis das hier überhaupt zur Kenntniss nimmt.
Ich frage mich schon lange, wie es gelingen kann, noch deutlicher auf das aufmerksam zu machen, was mit unseren kindern passiert. Fragt man die Entscheider in der Schulpolitik z.B. hier in NRW, so findet man ja erschreckend wenig Problembewußtsein und immer wieder die Meinung, die meisten Eltern wollten ja die Sonderschule für ihre Kinder.
Irgendwie muß es noch besser gelingen, das vorhandene Potential zu bündeln. Wenn es gelingen könnt, dass in jedem Fall, in dem Kinder aus dem Regelschulsystem gegen den Elternwillen ausgegrenzt werden, viele viele Eltern dagengen bei den Schulministerien protestieren, könnte die Ausgrenzung nicht mehr so unbemerkt erfolgen.
Aber dazu fehlt es uns an Vernetzung und an Strukturen, schnell zu reagieren.
Ein Vorbild für die Form solcher Maßnahmen ist für mich in Deutschland Campact (campact.de), denen es z.B. im Bereich Gentechnik inzwischen gelingt, erheblichen Druck auf die Regierung auszuüben. Vielleicht läßt sich ein ähnliches Konzept auf die Beine stellen, mit dem Proteste schnell und effktiv an die richtge Stelle gerichtet werden können. Was meinen Sie?
Die UN-Konvention ist sicher ein wichtiger Schritt, aber auch hier stimme ich zu, die muß natürlich erst mal im Bewußtsein der Entscheider ankommen. Meine Frage war übrigens eher eine Informationsfrage (Umsetzung in Belgien, Rechtslage der europ. Schule).
Grüße aus Dorsten
Michael Baumeister
www.mbauweb.de/blog
michael (ät) mbauweb.de
Cordula Müller schrieb am 04.06.2009, 06:14
Man kann fast nicht begreifen, daß der Fall Lucas der erste ausser der Fälle der Waldorfschule ist, der hier so umfangreich "diskutiert" wird.
Ja Leute, habt Ihr denn immer noch nicht verstanden, daß solche Abschulungen , Zuweisungen täglich mit unseren besonderen Kindern geschehen? Jedes Jahr werden etliche Kinder vom Regelschulbesuch ausgeschlossen, um, wie heisst es so schön, dem Wohl des Kindes gerecht zu werden.
Nicht wir Eltern wissen, was gut ist, wenn wir besondere Kinder haben, nein, die Schulleitungen und Schulräte wissen was gut ist und vor ALLEM einfach ist-die Zuweisung in Sonderschulen, Alternativen gibt es leider genug, im Falle Lucas scheint es ja Sprachbarrieren in anderen Schulen zu geben. Ich hoffe nur, daß keiner auf die Idee kommt, Lucas einen Übersetzer zu geben, damit er woanders als in der Europaschule unterkommt.
Wer hier fragt, was mit der UN Konvention ist, kann sich selber diese Frage beantworten: Zunächst mal nichts, denn die Umsetzung findet nur dort statt, wo die Richtigen regieren, also wo die Politik hilft, umzusetzen.
Solange am mehrgliedrigen Schulsystem und seinen massen Sonderschulformen festgehalten wird, müssen wir vorerst weiterkämpfen.
Im Falle Lucas wird leider das erschreckendste Beispiel dargestellt. Er wird sozusagen sogar öffentlich abgelehnt. Wir wissen alle, daß einige Kinder mehr, einige weniger fachliche Hilfe benötigen, nur darf es nicht dem Wohle des Kindes schaden, wie mit diesem verfahren wird. Ein Schulverweis sollte hier nicht stattfinden. Da es ja Möglichkeiten der Förderung von Lucas gibt, muss hier zum Wohle des Kindes entschieden werden und nicht erst nach langen Verfahren.
Wenn ich mir vorstelle, unser Sohn dürfte von Tag x auf y nicht mehr an seine Schule,was ja JEDES Jahr überprüft wird, wüsste ich nicht, was man dann sagt. DICH WILL HIER KEINER MEHR? Schönes Gefühl, zu wissen, daß man nur das Wohl des Kindes möchte.
Elterninitiative Bornheim Gemeinsamer Unterricht
Michael Baumeister schrieb am 03.06.2009, 16:28
Ich verfolge die Berichterstattung über die Abweisung von Lucas Katsioulis mit viel Aufmerksamkeit. Ich finde es gut, dass die Eltern sich nicht abweisen lassen, auch wenn ich aus eigener Erfahrung weiss, wie schwierig es ist, immer und immer wieder gegen die Mauern zu rennen, die die Schulsysteme errichten. Ich wünsche Ihnen viel Kraft und langen Atem!
Mich würde mal interessieren, unter welche Rechtsnorm die europäischen Schule in Brüssel fällt. Ist das eine belgische Schule? Wie sieht es denn mit der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung durch Belgien aus?
Michael Baumeister
www.mbauweb.de/blog
Sybille Zaschke schrieb am 03.06.2009, 13:54
Hallo,
der Bericht über Lucas hat mich erst wütend gemacht und dann auch nachdenklich gestimmt. Welche weitreichenden Folgen für benachteiligte Kinder und Erwachsene kann ein solches Vehalten der Schulleiterin haben, wenn es von der Gesellschaft toleriert werden würde? Dürfen dann autistische Kinder nicht mehr die Schule
besuchen? Würde der "Wert" eines Menschen niedriger eingestuft werden, nur weil er anders ist? Die Würde des kleinen Lucas wurde bereits verletzt!
Auch frage ich mich: "Wie steht es um die fachliche Kompetenz der Schulleiterin? Ist sie nicht eine ausgebildete Sozialpädagogin? Eine Frau, die in ihrer Stellung sozial und lösungsorientiert zu Handeln hat?"
Sicher kennen wir nicht die Ambitionen der Schulleiterin als sie Lucas nach Hause schickte, aber ich bin mir sicher, dass es auch eine andere Lösung gegeben hätte - eine Menschliche!
Sybille Zaschke