
Von kobinet-Korrespondent Franz Schmahl
Berlin (kobinet) Der Berliner Winter bringt heute zum Ferienausklang den Schulkindern noch mal ideale Bedingungen für Ski und Rodel. Für ältere und behinderte Menschen bleibt die Lage allerdings höchst bedrohlich. Aus Sicht der Berliner Stadtreinigung ist es der härteste Winter seit 30 Jahren.
Landesbehindertenbeauftragter Jürgen Schneider hat Sanktionen für die gefordert, die ihren Pflichten bei der Schneeräumung nicht nachkommen (kobinet 27.1.10). Besonders in vielen Nebenstraßen und auf nicht oder nur schlecht geräumten Fußwegen ist es glatt und gefährlich. Auch in den Bezirken wurden die Behindertenbeauftragten mehr oder minder erfolgreich aktiv, um auf eine Verbesserung der Lage zu drängen. Kiezstreifen der Ordnungsämter sind hier und da unterwegs, um Hausbesitzer und Wohnungsgesellschaften an ihre Verpflichtungen zu erinnern und notfalls Bußgelder zu verhängen.
Der Tagesspiegel berichtete jetzt darüber, wie mühselig die Stadt der Lösung dieser Probleme näher zu kommen versucht: "Fast 400 000 Schwerbehinderte und darunter rund 30 000 Menschen mit einer außergewöhnlichen Gehbehinderung, die fast alle auf einen Rollstuhl angewiesen sind, leben in Berlin. Vielfach sind Behindertenparkplätze rücksichtslos zugeparkt - und darüberhinaus kommt selbst ein kräftiger Mann mit einem handbetriebenen Rollstuhl nicht mehr über die Buckelpisten, Schneehügel und Schlitterbahnen."
"Seit mehr als vier Wochen bin ich zu Hause gefangen", zitiert die Zeitung Rainer Sanner, der allein in seiner Kreuzberger Wohnung lebt. Dem 52-Jährigen ist seine Selbstständigkeit wichtig: Alle Wege, ob zum Einkaufen, zum Arzt oder zur Bibliothek, hat Sanner stets allein mit seinem Rollstuhl bewältigt. Dass er das schon seit einem Monat nicht mehr kann, zermürbt ihn: "Der Verlust an Autonomie und die Vereinsamung sind psychisch schwer zu ertragen", sagt er.
In einem offenen Brief an die Senatsverwaltung will er in der Märzausgabe der Berliner Behindertenzeitung auf die witterungsbedingten Probleme Schwerbehinderter - darunter rund 3500 blinde Menschen - aufmerksam machen. "Denn wir glauben, dass man bisher kaum einen Gedanken an uns verschwendet hat", sagt Sanner, der versucht, seine "Einzelhaft" durch Lesen und Telefonate zu ertragen. Noch nie hat er sich auf den Frühling so gefreut wie in diesem Jahr.
Auch Andrea Schatz vom Netzwerk behinderter Frauen in Berlin freut sich auf den Frühling. In einem Leserbrief an den Tagesspiegel hat sie auf die extrem schwierige Situation der erwerbstätigen behinderten Menschen hingewiesen. Erwerbstätige gehbehinderte, rollstuhlfahrende oder blinde Menschen müssen trotz Eis und Schnee auf Gehwegen, Übergängen und Parkplätzen täglich ihren Arbeitsplatz erreichen. "Ich bin eine der vielen, die trotz Schwerbehinderung (Rollstuhlfahrerin) erwerbstätig sind und die durch den fehlenden und mangelhaften Winterdienst nicht nur in ihrem Alltagsleben, sondern auch in ihrer Erwerbstätigkeit stark eingeschränkt und behindert werden", schrieb Andrea Schatz.
Die Rettungssanitäter, die bei Notfällen oder für lebensnotwendige Fahrten mit chronisch kranken Patienten unterwegs sind, können keine Erleichterung ihrer Arbeit erwarten. Der Wetterbericht kündigt für die kommende Woche bei wieder sinkenden Temperaturen neue Schneefälle an. Bei der Berliner Stadtreinigung geht das Streusalz aus. Mit einem Gemisch aus Splitt und dem Rest Salz im Verhältnis von neun zu eins soll auf den Hauptverkehrsstraßen gestreut werden.