
Hamburg (kobinet) Die katholische Kirche wird von einer Reihe sexueller Missbrauchsfälle erschüttert. Betroffen sind nicht nur die Jesuitenschulen. Fast hundert Kirchenmänner gerieten in den letzten Jahren in Missbrauchsverdacht. Nach Jahrzehnten der Verdrängung bricht jetzt die Schweigemauer. Das Nachrichten-Magazin Spiegel berichtet heute darüber in seiner Titelgeschichte.
Was ein achtköpfiges Team von Rechercheuren in diesem Heft beschreibt, ist nach Ansicht von Redakteur Peter Wensierski "geeignet, die katholische Kirche in eine ernste Krise zu stürzen". Zur Debatte steht das offensichtlich gestörte Verhältnis der Kirche zur Sexualität. "Die katholische Kirche sollte endlich erkennen, dass sich das menschliche Triebleben, gleich ob hetero- oder homosexuell, nicht päpstlichen Lehrmeinungen unterwerfen kann", sagt Wensierski.
Dramatische Ergebnisse lieferte auch ein Zwischenbericht des "Runden Tischs Heimerziehung". Er beschäftigt sich seit fast einem Jahr mit dem Unrecht an Kindern und Jugendlichen, die seit den fünfziger Jahren in Heimen lebten - von denen fast die Hälfte katholisch geführt wurden (kobinet 17.2.09).
In den vergangenen Monaten meldeten sich bereits über 150 Opfer, die sexuell missbraucht wurden. Als Beispiel wird im Spiegel eine Frau erwähnt, "die als 15-Jährige oft im Beichtstuhl zusehen musste, wie der Priester onanierte". Als sie vor ihm weglief, bekam sie Schläge von den Nonnen, die ihr Heim führten. sch
Manfred Keitel schrieb am 08.02.2010, 13:27
Oberflächlich betrachtet scheinen die Betroffenen von sexualisierte Gewalt vor allem nicht beeinträchtigt und weiblich zu sein. Dass dies nicht so ist wird einige Kobinet-LeserInnen weniger überraschen. Aber selbst von beeinträchtigten Frauen wird vergessen, dass die Dunkelziffer bei Mißbräuchen an Jungs sehr hoch liegen dürfte. Einschlägige Nachforschungen sind mir überhaupt nicht bekannt.
Jungen und Mädchen haben vor allem zunächst einmal gemeinsam, dass sie Kinder sind. Kindern männlichen Geschlechts wird leichter abgesprochen, Opfer von Übergriffen zu sein oder ihnen wird sogar nachgesagt, sie hätten diese sexualisierte Gewalt gewünscht.
Als Mensch mit einer Behinderung und Assistenzbedarf ist man darüber hinaus noch stärker davon betroffen, in "Heime" oder in Zuständen mit Geklüngel unter Zuständigen und Kostenträgern gedrängt zu werden, oder von Angehörigen abhängig zu sein.
Die meisten Übergriffe finden vermutlich im Rahmen der Familie statt, wo sich TäterInnen ebenso sicher - wenn nicht sogar sicherer - vor äußerem Einfluss fühlen können, wie kirchliche Institutionen.
Als Betroffener erlebt man darüber hinaus, daß einem Therapien aus fiskalischen Gründen verweigert werden (dem Assistenzbedarf in Therapieeinrichtungen wird nicht rechnung getragen) und dass der Missbrauch hinter der Beeinträchtigung "versteckt" wird, obwohl gewisse Symptome Spätfolgen darstellen.
Grüße
Manfred
Mehr zu den Auswirkungen:
norbert.denef.com/2010/02/05/manfred-keitel/